Bauplan für das europäische Haus

Schwäbisch Hall, 15.05.2014

Weltmarktführer: Ex-EZB-Direktor Jörg Asmussen spricht in Schwäbisch Hall

Über weite Strecken glänzte der Finanzfachmann Jörg Asmussen mit einer wirtschaftspolitischen Statusanalyse Europas, die ein durchaus optimistisches Bild zeichnete. Asmussen war zu Gast in Hall.

Schwäbisch Hall. Der Arbeits- und Sozialpolitiker, als der Jörg Asmussen heute tätig ist, blitzte im gut besuchten Vortragssaal der VR Bank Schwäbisch Hall-Crailsheim am Dienstag erst am Ende des einstündigen Vortrags auf.

Asmussen sprach als Gast der Akademie Deutscher Weltmarktführer. Begrüßt von deren Geschäftsführer Dr. Walter Döring sowie Eberhard Spies, Vorstandsvorsitzender der VR Bank, eröffnete Asmussen mit dem Anspruch, die "faktenschwache, aber meinungsstarke" Debatte im Europawahlkampf zu objektivieren. So sei der Euro nicht ursächlich für die abebbende Krise. Vielmehr litten die Krisenländer unter einer jeweils unterschiedlich ausgeprägten Kombination von öffentlicher und privater Verschuldung, dem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und einer Krise des nationalen Bankensystems. Entsprechend sei das erfolgreiche Krisenmanagement der EU kein flächendeckendes Spardiktat, sondern ein vielschichtiges, länderspezifisches Anpassungsprogramm gewesen.

Vier Jahre nach dem ersten Rettungspaket für Griechenland sieht Asmussen trotz bleibender Probleme Anzeichen für ein Ende der Krise. Und er lässt erkennen, dass er auch von deutscher Seite mehr Respekt für die große Leistung insbesondere Griechenlands für angebracht hält: Die griechischen Sparmaßnahmen entsprächen im Bundeshaushalt einer Vergleichsgröße von 350 Milliarden Euro.

Die Kritik am deutschen Leistungsbilanzüberschuss weist Asmussen zurück: Eine Währungsunion sei kein Rennen eins gegen eins, sondern eine Teamdisziplin. Die gesamte Mannschaft profitiere von der guten Form Einzelner.

Für DM-Nostalgiker hat Asmussen wenig Verständnis. "Es gibt keinen Weg zurück in die währungspolitische Kleinstaaterei." Die europäische Integration ist für ihn die einzig richtige Antwort auf die Globalisierung. Wer Souveränität teile, könne besser die globalen Spielregeln mitbestimmen. Europa müsse dabei die großen Themen wie Demografie, Energie und Digitalisierung angehen.

Asmussen weiß um die Europamüdigkeit vieler Bürger. Aber politische Führung dürfe eben nicht nur das Machbare anstreben, sondern müsse Ziele verfolgen, dafür streiten, kämpfen und überzeugen. Das europäische Haus müsse nach dem Muster der Hanse weitergebaut werden: wirtschaftlich stark, offen für Andersdenkende und bereit, die Freiheit zu verteidigen.

Schließlich ist die arbeitsmarktpolitische Kompetenz des Staatssekretärs gefordert. Halls Oberbürgermeister Pelgrim entlockt seinem Parteigenossen ein Bekenntnis zu mehr europaweiter Arbeitsmobilität. Und Asmussen zeigt Mut zur Lücke: Wann europaweite Stellenausschreibungen möglich seien, wisse er nicht. Aber gleich morgen werde er diese gute Idee an seine Leute zur Prüfung weitergeben.

Zur Person

Jörg Asmussen 47 Jahre, war jüngster Staatssekretär in der letzten großen Koalition und galt während der Finanzkrise als der wichtigste Berater von Finanzminister Steinbrück. Von 2012 bis Anfang 2014 war er Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, bevor er auf eigenen Wunsch erneut als Staatssekretär ins Bundesministerium für Arbeit und Soziales wechselte.

Quelle: Schwäbisch Hall, 15. Mai 2014